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Nachgefragt: ein Jahr nach der ELENA-Verweigerung

Vor ein paar Tagen habe ich im Presseschauer über ELENA und den Hessischen Rundfunk berichtet - und über die Münchner Zahnärztin Kristiane Zickenheiner, die sich seit Anfang Januar 2010 weigert, die Daten ihrer Mitarbeiter an ELENA zu übermitteln. Ich habe die Presseerklärung vom Hessischen Rundfunk zum Anlaß genommen, mal nachzufragen. Hier also das E-Mail Interview mit Fr. Dr. Zickenheiner: 

Sehr geehrte Frau Dr. Zickenheiner,

nun ist es schon über ein Jahr her, dass Sie sich dagegen entschieden haben, die Daten ihrer Angestellten im Rahmen von ELENA zu übermitteln. Da nun auch der Hessische Rundfunk sich gegen ELENA gewandt hat, wollte ich mal bei ihnen nachfragen, welche Reaktionen sie daraufhin bekommen haben? Vielleicht finden Sie ja Zeit, um ein paar Fragen fuer mein Blog zu beantworten?

Nach ihrer Weigerung, im Rahmen von ELENA Daten zu uebermitteln, welche Reaktionen gab es da in ihrem Umfeld?

das private Umfeld, das sicherlich eher zur informierten Gesellschaftsschicht gehört, hatte größtenteils nie etwas von ELENA gehört. Die Reaktionen auf ELENA und auch auf unsere Verweigerung war zu 95% gleichgültig... schon erstaunlich...
das berufliche Umfeld, also meine Mitarbeiter waren sehr sensibel und irritiert, daß tatsächlich solche Daten gesammelt werden sollen...
ich sprach das Thema im Kollegenkreis auf einer Fortbildung an... vollkommene Gleichgültigkeit...Desinteresse
ich sprach das Thema vor jeder Behandlung mit jedem Patienten durch... Erstaunen, Verwunderung aber keinerlei Besorgnis

Gab es Reaktionen seitens der Behoerden? Speziell nachdem Sie auch mit dem Thema in den Medien waren. Gab es Androhungen von Bussgeldern oder blieb es ruhig?

Keinerlei Reaktion...

Sind ihnen andere Unternehmen bekannt, die ihrem Beispiel gefolgt sind?

Ja, eines

Hat Sie das Thema ELENA auch fuer andere Datenschutzthema sensibilisiert, z.B. Vorratsdatenspeicherung? Oder gar generell politisiert, wie es bei mir und vielen anderen der Fall war?

Ja, ich war sehr irritiert, daß "meine" FDP diese Themen nicht stärker aufgreift. Daß die individuelle Freiheit, der freie Geist, die freie Persönlichkeit kein zentraleres Thema ist. Dabei ist es DAS liberale Thema überhaupt. Ich mache mir Sorgen, daß es keine kreativen Köpfe in unserer Gesellschaft mehr geben wird...und alle zu Duckmäusern und chronischen Ja-Sagern werden. Weil die Menschen Angst haben werden ihre Meinung zu sagen.

Waren Sie von den Reaktionen auf ihren Blogartikel zu Elena ueberrascht?

Nein... denn die Kultur im Internet ist zu einem demokratischen Instrument geworden. Das ist genial! Hätte ich nicht in den letzten Monaten privat und auch beruflich soviel zu tun gehabt, würde ich mich wesentlich mehr engagieren.

Ich jedenfalls danke ihnen nochmal auf diesem Weg fuer ihren Mut, sich nicht an ELENA zu beteiligen!

Habe mich nie mutig gefühlt und zu keinem Zeitpunkt Angst gehabt ;-) Kein Mensch wird mich je zwingen etwas zu tun, was mir so sehr widerstrebt.

:-)

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für das Interview!

Erstaunlich, aber auch symptomatisch erscheint mir die Schilderung der Gleichgültigkeit, mit der die Leute auf ELENA reagieren. Da gibt es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Wenn man das mit dem Widerstand gegen die Volkszählung in den 80ern vergleicht, dann ergibt das ein sehr trauriges Bild von den Deutschen in Sachen Datenschutz und persönlicher Freiheit. Denn wenn der Staat alles über seinen Bürger weiß, dann lebt man nicht mehr in Freiheit, sondern in einem totalitären Überwachungsstaat.

Bezeichnend ist auch die Kritik an der FDP. Wenn man sich die Ursprünge der FDP mal anschaut, dann war der freiheitliche Gedanke einer der Grundpfeiler für diese Partei. Ralf Dahrendorf und Gerhart Baum sind hierfür ein gutes Beispiel. Doch bis auf wenige Ausnahmen, herrscht in der FDP wohl heutzutage eher ein steuerpolitischer Freigeist, nicht jedoch ein gesellschaftlicher Liberalismus.

Wer sich hingegen heute mit Politik befaßt, kommt natürlich um das Internet nicht herum, wie auch Kristiane Zickenheiner feststellt. Und das ist gut für unsere Demokratie! Je mehr Leute das Internet politisieren kann, um so besser!

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