Weser-Kurier: neue A1 ein Sanierungsfall

Gerne werden solche Projekte zwischen öffentlicher Hand und privaten Firmen als Erfolge gefeiert. Es ist ja auch so schön einfach: man erlaubt einer privaten Firma bzw. einem Konsortium einfach, eine Aufgabe der öffentlichen Hand zu übernehmen. Dieses Konsortium darf dann ein bißchen Geld eintreiben, hat alle Verantwortung und die öffentliche Hand ist fein raus und kassiert nur noch ihren Obulus. Das hat sich der Bund sicher auch gedacht, als er einem Konsortium der Bunte-Gruppe und Bilfinger-Berger den Auftrag für den 6-streifigen Ausbau der A1 zwischen Bremen und Hamburg gab. Das Konsortium sollte die Autobahn bauen und dafür an den Maut-Einnahmen beteiligt werden.

Das Konsortium hat dann auch gut ran geklotzt und erstmal für derbe viele Baustellen auf der Strecke gesorgt, so daß es derzeit sinnvoller ist, auf dem Weg von Rostock nach Osnabrück lieber über die A7 und Hannover zu fahren, was nicht unbedingt kürzer, aber dann doch unverhältnismäßig viel schneller geht.

Aber so einfach und reibungslos wie sich Bund und Konsortium das Zusammengehen in diesem Projekt, das als leuchtendes Beispiel einer Public-Private-Partnership (PPP) gefeiert wurde, vorgestellt haben, dürfte es nun nicht werden. Denn wie der Weser-Kurier (und auch die Radio-Nachrichten heute morgen) berichtet, ist das bereits freigegeben Teilstück der A1 nach gut 2 Monaten bereits ein Sanierungsfall, gar für eine Grundsanierung:

Die kurz vor Weihnachten freigegebene und sanierte Autobahn 1 bei Bremen ist derart mit Schlaglöchern übersät, dass eine erneute Grundsanierung erforderlich ist. Die Grundsanierung halten sowohl der ADAC als auch die Landesverkehrsbehörde für notwendig, mit Flickarbeiten sei das Problem nicht zu lösen. Die A1-Sanierung von Bremen nach Hamburg wird von einem privaten Konsortium aus den Firmen Bunte-Gruppe und Bilfinger-Berger organisiert.
[...]
Der ADAC Weser-Ems jedenfalls hat eine Erklärung parat: „Es kann sich nur um Fehler bei der Verfahrensweise handeln“, so Sprecher Dirk Matthies. Eine neue Autobahn halte normalerweise mehr als zehn Jahre, sie gehe bei Frost nicht kaputt. Matthies: „Die Schäden sind sehr eigenartig und ich gehe davon aus, dass das großflächig saniert werden muss.“

Wie unerwartet! Sowas kommt halt dabei heraus, wenn man privaten Firmen staatliche Aufgaben überträgt. Insbesondere dann, wenn die Dauer der Partnerschaft und somit die Möglichkeit der Einnahmen begrenzt ist (z.B. auf 20 Jahre). Denn dann versucht das bauausführende Konsortium halt eine Gewinnmaximierung: möglichst schnell das Ding zusammenkloppen (viele Baustellen), um das Projekt möglichst schnell abschließen zu können und umso schneller dann Einnahmen durch die Maut erzielen zu können.
Daß der private Partner da vielleicht kein gesteigertes Interesse daran hat, eine hohe Qualität abzuliefern, hätte man sich als Auftraggeber vielleicht auch denken können. Bilfinger-Berger ist im übrigen auch noch derzeit aufgrund eines anderen Bauvorhabens im Gespräch: beim U-Bahn-Bau in Köln nämlich, wo eine U-Bahn Station eingestürzt ist und das darüberstehende Stadtarchiv ebenso. Da darf man sich wohl durchaus fragen, ob es da irgendwo ein Methode gibt? Aber vermutlich nicht, wie wir alle natürlich selbstverständlich wissen. Bilfinger-Berger ist zweifelslos eine seriöse Firma.

Aber es zeigt auch, daß die Privatisierung von öffentlichen Aufgaben eben nicht funktionieren kann. Die Ansätze und Ansprüche sind grundverschieden, die öffentliche Hand und private Partner haben. Während die öffentliche Hand ein Interesse daran hat, die Kosten langfristig möglichst gering zu halten, indem ein gewisser Qualitätsstandard eingehalten wird, der zudem gewährleistet, daß die Baumaßnahme auch entsprechend Bestand hat und diese dementsprechend auch lieber anfänglich etwas teuerer sein darf, hat der private Partner für gewöhnlich eine Gewinnmaximierung im Focus: schnell mit geringen Kosten fertig werden, um möglichst lange mit dem Projekt Gewinne erzielen zu können. Das wird insbesondere dann zum Problem, wenn das Projekt und womöglich gar noch die Verantwortlichkeit zeitlich begrenzt ist. Der Bericht des Weser-Kuriers läßt erahnen, daß nicht das Konsortium für die Pflege der Straße verantwortlich ist, sondern das Straßenbauamt Verden.

Das Resultat wird nun sicherlich ein jahrelanger (Rechts-)Streit zwischen den beiden Partnern sein und vermutlich jahrzehnte lang weitflächige Baustellen auf der A1 - einer der wichtigsten und meistbefahrensten Verkehrsadern Deutschlands. Da hat die Politik mal wieder grandios versagt und der Bürger darf es wieder ausbaden.

Somit sollte das Projekt A1 eigentlich ein warnendes Beispiel für alle Politiker, insbesondere sicherlich der CDU und der FDP, sein, daß Aufgaben der öffentlichen Hand eben auch am besten in dieser belassen werden sollten. Das betrifft nicht nur den Bau von Autobahnen, sondern auch z.B. die Stadtreinigung, Müllabfuhr und anderes. Und ja: ab und zu kann eine solche PPP sicherlich auch mal ein Erfolg sein, aber ehrlich gesagt fällt mir da gerade kein Beispiel ein. Deshalb lieber: Finger weg von solchen Vorhaben!

Ingo Jürgensmann (not verified)

Auf eine polemische Diskussion hab ich nun keine Lust.

Im Grund hat die Lust dazu bereits aufgehoert, als ich mitbekommen habe, dass hier Greenwashing betrieben werden soll. Andere Kommentatoren von anderen Firmen nennen hier wenigstens Ross und Reiter...

Ansonsten: wenn die Vertraege oeffentlich sind, bin ich gerne mal bereit da einen Blick zu riskieren und meine Meinung danach eventuell abzuaendern. Tipp: wikileaks.org ;)

Langohr (not verified)

Zitat:
"Damit finde ich meine Annahme schonmal fundierter als die, dass das Konsortium dafuer aufkommen muss. Letztendlich muesste man aber in die Vertraege schauen und dort gucken, wie das genau geregelt ist."

Letzteres ist in der Tat richtig, wenn man etwas sachgerecht beurteilen will, muß man die Fakten kennen.

Die Autobahnmeisterei muß auf den Zustand der Autobahnen achten, das ist ihre Aufgabe. Die Frage der Mangelbeseitigung bzw. der Gewährleistung ist davon völlig unabhängig. Der ADAC wird im Zusammenhang mit den Schäden an der Deckschicht übrigens auch erwähnt - muß der Ihrer "Annahme" nach jetzt auch bezahlen? ;-)

Ingo Jürgensmann (not verified)

Wenig ueberraschend teile ich diese Auffassung nicht. Zumal die Annahme, dass das Konsortium die A1 20 Jahre in Schuss halten muss, mindestens genauso eine Annahme ist wie meine, dass sie es nicht muessen.
Ich leite meine Annahme wie geschrieben davon ab, dass die Strassenmeisterei Verden im Artikel erwaehnt wurde. Damit finde ich meine Annahme schonmal fundierter als die, dass das Konsortium dafuer aufkommen muss.

Letztendlich muesste man aber in die Vertraege schauen und dort gucken, wie das genau geregelt ist.

Dass die oeffentlichen Betriebe die Strassen auch nicht immer in Ordnung halten, ist natuerlich auch den klammen Kassen der Kommunen geschuldet. Rostock ist diesen Winter da im uebrigen ein sehr gutes Beispiel: jahrelang wurde aufgrund knapper Kassen am Strassenerhalt gespart und diesen Winter gibt es kaum eine Strasse, die nicht mit Schlagloechern uebersaet ist. Diese nun unausweichlichen Reparaturen kommen natuerlich teuerer als eine stetige Strassenpflege.

Achja: vorhergehender Kommentar kommt uebrigens nicht von einem Lang-, sondern einem Schlitzohr, denn die IP des Kommentators stammt aus dem IP-Netz von Bilfinger+Berger. Schon erstaunlich, wie schnell man die Aufmerksamkeit der angesprochenen Firmen erlangen kann. :-)

Langohr (not verified)

Der Artikel geht natürlich an der Realität völlig vorbei.

Gerade bei einem PPP-Modell (Public-Private-Partnership) hat der Unternehmer den größten Ansporn eine gute Qualität zu liefern, da er das Objekt über 20 Jahre betreiben muß und auch für die Instandhaltungskosten aufkommt. Während bei einem "normalen" öffentlichen Auftrag der Bauunternehmer nach vier Jahren aus der Haftung entlassen wird (Gewährleistungsfrist nach VOB), muß er hier das Bauwerk nach objektiven (externen) Beurteilungsmaßstäben über zwanzig Jahre in Ordnung halten (was die öffentlichen Betreiben keineswegs immer tun) und in einem einwandfreien Zustand an den späteren Eigentümer übergeben. Je besser er baut, um so geringer sind die Instandhaltungskosten und um so höher die Rendite.

Ich würde sagen: Artikel ist gut geschrieben - Thema verfehlt!

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