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Zeit Online: "Liebe Marie..."

Letzte Woche hat Zeit Online einen Artikel eines Journalisten in Form eines Briefes an seine Tochter veröffentlicht. Zumindest bei Twitter gab es daraufhin jede Menge Leseempfehlungen, die ich auch an dieser Stelle nochmal wiederholen möchte. Na, jedenfalls geht es darum, daß im Zuge der Schulreformen die Schüler inzwischen fast mehr arbeiten als die Erwachsenen. Henning Sußebach in "Liebe Marie," zum Beispiel: 

Du hast jeden Tag sieben Stunden Schule und weißt nicht, dass ich als Kind niemals täglich sieben Stunden hatte, in keinem einzigen Schuljahr. Dass ich nachmittags allenfalls vor dem Abitur so viel gelernt habe wie Du jetzt in der fünften Klasse, und niemals auf dem Weg ins Kino. Und dass ich heute manchmal so tue, als müsste ich noch arbeiten, wenn ich abends nach Hause komme und sehe, wie Du über Grammatik-Arbeitsblättern sitzt: \[...\] Ich hefte dann Rechnungen ab, schreibe EMails und sortiere Zeugs. Ich will nicht freihaben, solange Du noch arbeitest. Ist das nicht verrückt? Irgendjemand hat die Welt verdreht! Nur wer?

Weißt Du: Das alles ist nicht einfach so passiert. Die freie Zeit ist nicht einfach so verschwunden. Wir Erwachsenen haben Euch ein Jahr Eurer Kindheit gestohlen. Aus Eile und Angst.

Oder auch dies hier: 

Schon 1993 (als uns die Chinesen noch egal waren und es keine Schulvergleiche gab) passierte es: Da empfahlen die Finanzminister aller deutschen Bundesländer, Euch ein Schuljahr wegzunehmen. Nicht die Kultusminister, die sich um die Schulen kümmern! Sondern die Politiker, die aufs Geld aufpassen, die Zahlen statt Menschen sehen und deshalb wissen: Jeder Gymnasiast kostet 5000 Euro im Jahr. Geld für die Lehrer, den Hausmeister, die Tafeln und Turnmatten. Allein an Dir und Deinen 27 Klassenkameraden konnten sie also 140.000 Euro sparen.

Deshalb wurde Euch ein Jahr aus der Schulzeit gestrichen – aus dem Lernstoff aber strich man nur wenig. Ihr sollt auf dem Gymnasium in acht Jahren begreifen, wofür Eure Eltern noch neun Jahre Zeit hatten. Unseren Mangel an Zeit – wir haben ihn zu Eurem gemacht.

Deshalb hast Du jetzt eine 40-Stunden-Woche voller Unterricht und Hausaufgaben. Deshalb hast Du vor wenigen Monaten das Gitarrespielen aufgegeben. Deshalb telefonierst Du die halbe Klassenliste rauf und runter, bis Du jemanden zum Spielen findest. Alle sind beschäftigt.

Nunja, selbst zu meiner Mittelstufenzeit gab es schon einen "Ausschuß über die Belastungen der Schüler", in dem ich mit einem Mitschüler saß und zusammen mit den Eltern und Lehrern darüber diskutierte, wie stressig der Schulalltag für die Schüler schon geworden ist. Wir hatten allerdings damals 6 Stunden, maximal einmal die Woche 7 Stunden, fingen um 7:55 mit dem Unterricht an und hatten um 13:10 Unterrichtsschluß. Der Samstag als regulärer Schultag war schon einige Zeit vorher gestrichen worden. Dennoch kam es aufgrund von Hausaufgaben, bei denen jeder Lehrer meinte, daß sein Fach natürlich das wichtigste wäre und die anderen Lehrer keine Hausaufgaben mit auf den Weg gaben, und auch anderen bzw. außerschulischen Aktivitäten wie Schulchor oder -orchester, diversen AGs, Sportvereinen und Reitstunden zu Beschwerden nicht nur von Schülern, sondern auch von Eltern.

Im Nachhinein betrachtet kann man aber wohl sagen, daß wir damals noch eine ruhige Schulzeit genossen haben. Wenn ich daran denke, daß hier in Rostock die Schule wohl um 7:30 losgeht, habe ich dafür eigentlich kein Verständnis, da ich aus eigener Erfahrung weiß und inzwischen diverser Studien, die so durch die Medien geisterten, erfahren habe, daß Kinder eigentlich vor 8:30 bis 9 Uhr eigentlich sich gedanklich eher noch im Bett befinden und nicht großartig aufnahmebereit sind.

Aber auch die Verkürzung auf G8, also die achtjährige gymnasiale Schulzeit, halte ich für unsinnig, auch wenn gerade hier im Osten immer Stimmen laut sind, daß das ja früher auch schon so war und man ja auch nicht dümmer sei als die im Westen. Die Welt wird immer komplexer und schnellebiger, aber bei der Verkürzung der Schulzeit wurde nicht im gleichen Maße der zu bewältigende Lernstoff gekürzt. Auch den Wegfall der Orientierungsstufe in Niedersachsen vor ein paar Jahren halte ich für selten dämlich, da vielfach gefordert wird, die Schüler länger zusammen zu lassen. Eine Selektion nach der 4. Klasse ist einfach zu früh.

Sußebach schreibt: "Die freie Zeit ist nicht einfach so verschwunden. Wir Erwachsenen haben Euch ein Jahr Eurer Kindheit gestohlen. Aus Eile und Angst." Wer Michael Endes Buch "Momo" gelesen hat: das waren die Grauen Männer. Ein sehr empfehlenswertes Buch übrigens, gerade für Erwachsene. Einfach sich mal wieder die Zeit nehmen und etwas entschleunigen, sich nicht unter Druck setzen lassen, sondern sich seinen eigenen Takt suchen.

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