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Die Philosophie des politischen Handelns

Manchmal entdeckt man Großes im Kleinen, im Verborgenen oder dort, wo man es nicht erwartet. Fast so geschehen beim Anschauen der DVD "Wader Wecker Vater Land", einer Dokumentation über die gemeinsamen Konzerte der beiden Liedermacher Konstantin Wecker und Hannes Wader. Nun sind weder Wecker noch Wader nicht bekannt dafür, inhaltlich flache Texte oder Lieder zu schreiben, zu komponieren oder zu singen, sondern eher dafür Gesellschaftskritik zu üben. Und das nun schon gut seit 50 Jahren. Gerade Hannes Wader war geradezu als politischer Liedermacher eine Ikone der 68er. Konstantin Wecker hatte es da nach eigenen Aussagen schon schwieriger. Beide sind ziemlich verschieden in ihrer Art, aber es eint sie das gleiche Ziel.

Am Ende des Film, quasi als Schlußbemerkung, gibt es folgenden Dialog, der dieses Ziel gut zusammenfasst: 

Wecker: Ich glaube an den Menschen, ich glaube an die Liebe, ich glaube an das Mitgefuehl und an das Gute, äh, an das Gute im Menschen und drum glaube ich auch, daß wir eine herrschaftsfreie Welt anstreben können. Das ist meine Utopie: eine liebevolle herrschaftsfreie Gesellschaft. Des Miteinanders.

Wader: Das wünsche ich mir ja und ich halte es - und jetzt kommts schon... - für möglich. Aber da kommt etwas anderes ins Spiel: nämlich das "Trotz alledem..." Selbst wenn es nicht möglich sein sollte, habe ich das anzustreben, habe ich das zu versuchen zu verwirklichen, ja?

Wecker: (zustimmend) Ja! Ja!

Wader: Ich habe mich so zu verhalten, als wuerde, als könnte es eine solche Welt geben. Sonst, sonst kann ich nicht leben. 

Damit postulieren die beiden nicht nur ihre eigene Wunschvorstellung einer Gesellschaftsform, sondern greifen zudem auch eine philosophische Grundrichtung des Denkens und Handelns auf: Die Ethik des Stoizismus zielt auf das Streben nach Vollkommenheit ab. Man versucht, das Ideal zu erreichen. Aber auch wenn man sich bewußt ist, daß man dieses Ideal nie erreichen wird (Stoizismus, schicksalsergeben), strebt der Stoiker an sich dennoch danach, diesem Ideal möglichst nahe zu kommen. Eben: Trotz alledem.

Natürlich haben auch die meisten Politiker in Berlin bzw. an der Macht ihre Utopie einer Gesellschaft. Aber man hat nicht das Gefühl, daß ihr Handeln an der Maxime ausgerichtet ist, zum Wohl der Allgemeinheit, der Gesellschaft zu handeln. Gerade die aktuellen Beispiele verdeutlichen dies. Etwa die Umlage bei den Stromkosten: da können sich Unternehmen von der Ökosteuer befreien lassen. Den Ausfall trägt dann der Kunde. Ebenso bei dem Vorhaben, das unternehmerische Risiko der Netzanbindung von Offshore-Windparks auf die Endkunden umzulegen. Diese sollen nämlich dafür finanziell haften, wenn der Stromproduzent seinen Strom nicht loswerden kann, weil etwa die Stromleitung an das Festland (oder die Verteilung im Landesinnern) nicht vorhanden ist. Hier wird unternehmerisches Risiko in unethischer Weise vergesellschaftet. Der Profit hingegen bleibt beim Unternehmen.

Ähnliches könnte man auch für netzpolitische Themen finden. Grundsätzlich aber gilt auch bei der Netzpolitik, daß diese meistens eher von einer Utopie des herrschaftsfreien Miteinanders, das Konstantin Wecker anspricht, getrieben wird. Und auch wenn solche Lobbyisten wie Christoph Keese mit ihrem Vorhaben eines Leistungsschutzrechts für Verlage immer wieder die Grundfesten des freien Netzes gefährden und beseitigen wollen, dürfen wir nicht nachlassen, von unserem Ideal eines freien Netzes abzuweichen. Trotz alledem!

 

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Comments

Ich mag bei solchen Zitaten immer nicht, dass die materiellen Grundlagen vergessen werden (wie bei Marx). Rein idealistisches Argumentieren hilft nicht viel, wenn man die materielle Basis nicht versteht....

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