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Zeit.de: "Das Jahr, in dem der Widerstand erwachte"

In der Reihe "Zensur in Kunst und Medien" berichtete die Neue OZ, daß die Einflußnahme kein neues Phänomen ist, sondern bereits in der Frühzeit des Fernsehens geschah (IPv6 Google Cache):

Einer der ersten Vorfälle ereignete sich 1955. Der Intendant des Südwestfunks hielt einige Passagen aus dem Programm des Kabarettisten Wolfgang Neuss für nicht sendbar. Der Sender Freies Berlin hatte wenig später zwar keine solchen Bedenken, unterbrach aber, nachdem er vom SWF auf die dortigen Vorbehalte hingewiesen worden war, Neuss’ Live-Sendung durch eine ominöse „technische Störung“, die sich später als gezielte temporäre Abschaltung erwies.

In den 60er-Jahren traf es mehrfach die renommierte Münchner Lach- und Schießgesellschaft, die vor allem den Zorn ihres Heimatsenders, des Bayerischen Rundfunks, erregte. Im Jahr 1973 genügte allein ein Programmtitel wie „Der Abfall Bayerns“, um vom Bildschirm verbannt zu werden – die einzelnen Texte waren dem zuständigen Programmdirektor gar nicht bekannt.

Diese beiden Beispiele zeigen bereits deutlich, daß die Zensur häufig auch gar nicht als Zensur wahrnehmbar ist, weil eine technische Störung inszeniert wird, oder daß die Zensur allein aufgrund eines reißerischen Titels greift. Der Autor Harald Keller nennt noch andere Beispiele in seinem Artikel in der Neuen OZ aus den Jahren 1966 ("Hallo Nachbarn" - Satiresendung vom NDR) oder 1979 ("Notizen aus der Provinz" mit Dieter Hildebrandt im ZDF).

All dies zeigt die ständige Gefahr, die von einer Einflußnahme oder gar Zensur auf die Medien ausgeht. Aber auch der letzte Satz des Artikels passt sehr schön in die aktuelle Situation:

Produzent Gyula Trebitsch wusste sich zu helfen: Schlau brachte er die skandalumwitterte Komödie in Bayern in die Kinos. Ins dortige Fernsehen gelangte „Die Sendung der Lysistrata“ erst in den 70ern, als sich die starren Verhältnisse der frühen Fernsehjahre allmählich zu lösen begannen. Bis der aufkommende Terrorismus für neue Beklemmungen sorgte.

Auch damals wurde der Terrorismus offensichtlich dazu genutzt, die Freiheiten der Bürger einzuschränken. Wie bereits hin und wieder in anderen Artikeln hier im Blog geschrieben, war damals Gerhart Baum Innenminister, der sich inzwischen mühsam für die Wahrung der Bürgerrechte einsetzt, indem er immer und immer wieder vor dem Bundesverfassungsgericht (mit teils großartigem) Erfolg klagt. Widerstand ist nicht zwecklos! Freiheit und Bürgerrechte müssen immer wieder aufs Neue erstritten und verteidigt werden! Zu erkennen, durch welche Mittel diese Rechte bedroht sind, hilft dabei enorm. Insofern möchte ich am Schluß auch noch einmal auf einen Artikel bei Netzpolitik hinweisen, der auf den Vortrag von Martin Haase beim CCC hinweist und wozu es ein sehr lesenswertes PDF gibt, das die Rhetorik von Ursula v.d. Leyen auseinandernimmt.

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Von Ingo Jürgensmann | Blog of Ingo Jürgensmann | – Auf Zeit.de gab es dieser Tage einen interessanten Rückblick auf das vergangene Jahr. Der Titel "Das Jahr, in dem der Widerstand erwachte" ist allein schon bemerkenswert...

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