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EU schließt SWIFT-Abkommen mit den USA

Netzpolitik weist per Twitter auf einen sehr interessanten und ausführlichen Artikel bei Zeit-Online hin, der sich mit der Situation der Zeitungen und insbesondere mit den Sparmaßnahmen dort befaßt.

Etwas Grundlegendes geschieht, nicht nur in Anklam, sondern im ganzen Land. In bislang nicht gekanntem Umfang entlassen Zeitungsverlage ihre Leute, schließen ganze Redaktionen, lagern sie aus, ersetzen fest angestellte Redakteure durch billige Leihkräfte.

Daß die Zeitungsverlage ihre Journalisten entlassen und stattdessen lieber Agenturmeldungen kopieren ist an und für sich ja nichts Neues mehr. Interessanter wird es trotzdem noch im Artikel:

Die Presse soll die Mächtigen kontrollieren, so will es das Grundgesetz, das sie deshalb unter besonderen Schutz stellt. Doch jetzt sieht es so aus, als ob sich die Presse ihrer Freiheit selbst beraubt. Seit Jahren prophezeien Verleger ihrem eigenen Produkt den Tod. Die Zeitung sei »ökonomisch bankrott«, sagte der Zeitungsmogul David Montgomery, eine »sinnlose, egoistische Obsession mit toten Bäumen«. Montgomery hat über 300 Blätter. Warum redet jemand sein eigenes Produkt schlecht?

Gute Frage! Und natürlich ist das Internet daran schuld, daß sich jemand mehr für lausig kopierte Textbausteine aus Agenturmeldungen interessiert, geschweige denn dafür Geld ausgeben mag. Qualität liefern die Zeitungen in der gedruckten Form sicherlich nicht mehr ab, was auch die Leser bemerken:

Seidel stöhnt, wenn man ihn darauf anspricht. »Ja, die Qualität«, sagt er. Dann erzählt er von einem Leserbrief, der gerade kam. Ein 80-jähriger Abonnent hat kürzlich 28 Fehler gefunden. 28. Allein auf der Titelseite.

28 Fehler auf der Titelseite ist schon heftig. Peinlicher ist es natürlich, daß die Leser schon deswegen schreiben. Niemand dürfte was gegen 1-2 Fehler pro Zeitungsseite haben, aber 28 Fehler? Ob das in einer Schularbeit noch ausreichend wäre, wage ich ehrlich gesagt an. Der Artikel fährt jedenfalls folgerichtig fort und geht zur Wurzel des Übels über:

Jahr für Jahr haben die Eigentümer des Nordkuriers, drei Unternehmerfamilien aus dem Westen, mehr als drei Millionen Euro verdient, in dieser strukturschwachen Region. Die Manager eines Weltkonzerns wie Volkswagen würden fünf Prozent Gewinn feiern. Doch die Besitzer von Regionalzeitungen sind mehr gewohnt. Ihr Monopol hat den meisten Verlegern jahrelang Renditen von wenigstens zehn Prozent eingebracht.

Um ihre Renditeziele halten zu können, wird also an allen Ecken und Enden gespart. Auch das ist natürlich nichts Neues, sondern gängige Praxis in der Wirtschaft allgemein. Nicht nur im Zeitungswesen. Und hinter all dem steckt natürlich der allseits beliebte Glauben an unbegrenztes Wachstum, was eigentlich jeder vernünftige Mensch bei 5 Minuten Nachdenken als irrwitzige Idee abtun würde. Nicht aber die Manager vieler Wirtschaftsunternehmen: je größer das Wachstum, desto größer die jährliche Rendite, desto größer der persönliche Gewinn - nur: irgendwann geht es halt nicht weiter nach oben. Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht.

Statt qualitativ hochwertigen und investigativen Journalismus zu betreiben, zählt nur noch die kurzfristige Rendite. Oder wie der Artikel es ausdrückt:

Ein unsichtbares Band ist gerissen, in Anklam, Stuttgart, München. Die deutschen Verleger hatten es über Jahrzehnte verstanden, Unternehmer zu sein und gleichzeitig gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Über Jahrzehnte vertraute man seinem Produkt, auch in Durststrecken. Als die ZEIT Ende der Neunziger vier Jahre lang Verluste machte, reagierte man mit Geduld, nicht mit Sparmaßnahmen. Springer wartete 60 Jahre lang darauf, dass die Welt rentabel würde.

Heute zählen in vielen Verlagen nur die nächsten Quartalszahlen. Die Märkische Oderzeitung hat im April alle Journalisten in eine Tochterfirma abgeschoben, um sie bald schlechter bezahlen zu können. Die traditionsreiche Ostseezeitung druckt Artikel von Pressesprechern wie Dirk Lenz. Unter seinem Kürzel D.L. hat der Autor über die erfolgreiche Ausbildung an der Berufsfachschule Greifswald geschrieben – ohne die Erwähnung, dass er für deren Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist.

Warum also sollen Leser für die immer gleichen Geschichten, die aus kopierten Agenturmeldungen bestehen, oder für mehr oder weniger offensichtliche Pressemitteilungen, die als Zeitungsartikel getarnt werden, Geld für den Kauf einer Zeitung ausgeben? Eben! Die Antwort ist dementsprechend, daß die Leser diese eben nicht tun, sondern sich lieber im Internet informieren. Doch ist das Internet nun die Ursache für die Zeitungskrise oder deren Symptom? Geht es den Zeitungen schlecht, weil die Leser sich im Internet informieren? Oder informieren sich die Leser im Internet, weil die Zeitungen nur noch Müll abliefern?

Ziesemer und Gaede haben Angst vor dieser Abwärtsspirale: Erst spart man an der Qualität, dann verliert man Leser, dann spart man noch mehr, um die Verluste aufzufangen, und am Ende hat man die Zeitschrift kaputtgespart.

Warum bloß?

Der Spiegel hat im vergangenen Jahr eine seiner erfolgreichsten Auflagen mit seiner Titelgeschichte Der Bankraub erzielt – einer kostspieligen Recherche von acht Reportern, die dokumentieren, wie die weltweite Finanzkrise entstand. Der Daily Telegraph war im Mai 2009 tagelang ausverkauft – 25 Reporter hatten über Wochen die Selbstbedienung britischer Parlamentarier beschrieben.

Warum investieren so wenige in guten Journalismus? In einer Zeit, in der es ein großes Bedürfnis nach Einordnung, kritischer Aufklärung und verlässlicher Information gibt? Warum setzt man nicht auf die ureigensten journalistischen Stärken? Auf Ausdauer und Tiefe?

Wer es tut, wird belohnt: wie die Magazine brand eins und Cicero, die ZEIT, das Jugendmagazin Spiesser, das Wall Street Journal. Wie der Münchner Merkur, der über Jahre seinen Lokalteil stärkte. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Keine Frage, sie alle leiden unter der Krise, bei allen sinken die Gewinne, aber sie verfallen nicht in Panik.

Natürlich ist der Leser an gut recherchierten Artikeln interessiert und kauft sie auch - wenn es sie denn gibt. Nur gibt es sie eben kaum noch, weil überall an allen Ecken und Kanten gespart wird. Früher waren die Journalisten noch bissig, haben den Politikern bohrende Fragen gestellt. Doch heutzutage bedarf es eines niederländischen Journalisten, um die Budneskanzlerin zu fragen, wieso sie jemanden, der Spenden eines Waffenlobbyisten in einem Koffer entgegen genommen hat und sich nicht mehr daran erinnern mag/will/kann, zum Finanzminister macht. Den Bick zum Gärtner machen - aber niemand der Presse traut sich, darüber groß zu berichten und es anzuprangern. Vielleicht durchaus auch berechtigt, wenn man den Fall von Nikolaus Brender betrachtet, der zwar als unabhängig gilt, aber wohl gerade deswegen vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) aus seiner Position als Chefredakteur des ZDF gedrängt wurde.

Aber wie der Artikel am Schluß beschreibt, ist es durchaus möglich, mit einem qualitativ hochwertigen Journalismus Leser zu finden und wirtschaftlich selbst durch die Zeit der Zeitungskrise zu kommen. Nur trauen muss man sich und nicht irgendwelchen illusionorischen Renditezielen nachhängen. Meine Hoffnung, daß sich die Situation im Zeitungswesen bessert, ist freilich gering. Stattdessen wird die Schuld wohl weiterhin dem Internet gegeben und an einem neuen Leistungsschutzrecht für Verleger gearbeitet, das auch lediglich die Verleger, aber nicht die häufig freiberuflichen Journalisten begünstigt.

Eine verkehrte, eine verrückte Welt.

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Comments

der witz ist, die entscheidung ist eine beibehaltung des status-quo:

siehe
http://www.ftd.de/politik/deutschland/:swift-abkommen-datenstriptease-er... den dritten und vierten absatz.

[...] Abkommen erlaubt es den amerikanischen Behörden, im vermeintlichen Kampf gegen den Terror noch gezielter [...]

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