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Hörempfehlung: Chaosradio Express #135

Wer damals ab 1981 an Computern interessiert war, kam faktisch nicht um *DIE* Computersendung im deutschen Fernsehen herum: dem WDR Computer! Doch 2003 wurde die Sendung abgesetzt, was aber die bisherigen Moderatoren, Wolfgang Back und Wolfgang Rudolph, nicht am Weitermachen gehindert hat: der Computerclub2 war geboren.

Wer die beiden Wolfgangs aus dem damaligen Fernsehen noch kennt und lebhaft in Erinnerung hat, wird sich an ruhige, gemütliche und besonnene Zeitgenossen erinnern. Doch das scheint jetzt (vorübergehend) der Vergangenheit anzugehören, denn wer sich eine der letzten CC2 Sendungen mal angeschaut hat, der wird einen mitunter recht aufgebrachten Wolfgang Rudolph gesehen haben. Wer die letzten Sendungen verpasst hat, für den bietet sich auf http://www.cczwei.de/ die Möglichkeit dies nachzuholen und bekommt dort auch gleich einen Ausblick auf die nächste Sendung, die auch nochmal begründet, warum sich Wolfgang Rudolph so aufregt:

Manchmal lassen sich Termine einfach nicht so planen, dass alle Beteiligten damit glücklich sind. So ging es uns mit einem Termin mit Gerhart Baum, den wir seit ca. 1 Jahr planten. Wenn jetzt Leser fragen: "Gerhart Baum" - wer? Die das fragen, sind noch jung an Jahren. Die etwas Älteren können mit dem Namen etwas anfangen. Von 1978 bis 1982 war Gerhart Baum Innenminister der Bundesrepublik Deutschland und er betätigte sich auch nach seinem kollektiven Rücktritt weiterhin als Rechtsanwalt und Kämpfer für die Grundrechte der Demokratie.
Wer jetzt fragt, was hat denn so einer im Computerclub zu tun?, der versteht nicht die Motivation der Macher. Wir sind besorgt, dass es mit unseren Rechten und mit unserem Hobby ständig bergab geht, weil da irgendwelche dubiosen Staatsmächte uns eine Freiheit nach der anderen nehmen.
Vor allem die jungen Leute müssen gegen diese schleichende Erosion vorgehen und manche Entscheidung der Staatsmacht eben nicht abnicken, sondern Protest einlegen. Denn sie müssen noch lange mit den weggenommenen Freiheiten leben. Dieser Protest muss immer stärker artikuliert werden, damit Politiker sich aus ihrem Sessel erheben müssen.

[...]

Immerhin ist G. Baum so viel am Computerclub gelegen, dass er selbst in unser Studio kommt, um direkt mit uns zu diskutieren.
Noch einmal gesagt: Wir müssen alle gemeinsam dafür sorgen, dass unser Hobby, wie wir es heute ausführen können, morgen plötzlich nicht durch Stoppschilder gebremst wird. Jetzt ist die Zeit, wo wir noch "kleine" Entscheidungen selbst beeinflussen können.
Ich höre schon wieder die dummen Sprüche "Mich interessiert das nicht" - Leute geht wählen und haltet die Demokratie hoch. Oder wollt ihr etwa Ergebnisse akzeptieren, die in Teheran veröffentlicht wurden oder gar zurück zur DDR Wahl wandern? 99,9 Prozent für die SED?
Werdet wach und macht mit. Die Jugend hat das Zepter in der Hand.

Was muss also passieren, daß ein durchaus angesehener und etablierter Journalist/Redakteur/Moderator so dermaßen klare Worte findet und das nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach?
Ist dieses Geschwätz von Bedrohung der Bürgerrechte nicht nur ein Hirngespinst von jungen Netzbürgern, die einfach nur um die Freiheit des Internets besorgt sind? Besorgt darüber, daß man ihnen ihren Spielplatz dichtmachen und mit speziellen Gesetzen zupflastern will? Ist es vielleicht nur alles halb so schlimm, wie es uns diese Internet-Nerds Glauben machen wollen?
Oder hat es einen Grund, warum nicht nur Juli Zeh und Ilja Trojanow in ihrem gerade erschienenen Buch "Angriff auf die Freiheit", sondern auch der FDP-Politiker und frühere Innenminister Gerhart Baum in seinem Buch "Rettet die Grundrechte" vor einer Erosion der Freiheit und der Grundrechte warnen? Und Baum ist dabei kein Unbekannter: erfolgreich hat er vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Großen Lauschangriff, das Luftsicherheitsgesetz und Verfassungsschutzsgesetz in NRW geklagt. Darüberhinaus hat er dort Klage gegen die Vorratsdatenspeicherung eingereicht.

Sind alle diese angesehenen Leute nun nur gegen die Sicherheitsgesetze, weil sie nichts besseres im Rentenalter zu tun haben, oder steckt da wirklich etwas dahinter? Substanz etwa? Ist es berechtigt, daß sich ein Computersendung-Moderator mit allen ihm zur Verfügung stehen Mitteln gegen diese Erosion der Freiheit und der Grundrechte einsetzt. Daß er nicht nur auf die Palme geht, sondern wieder runter und die nächste Palme gleich wieder hinauf?
Daß sich ein anerkannter Jurist und Innenminister a.D., der zu seiner Amtszeit die Hochzeit der RAF in Deutschland miterlebt hat, mittels Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Einschränkung der Bürgerrechte wehrt und per Streitschrift zur "Rettung der Grundrechte!" aufruft - kann da nicht doch etwas Wahres dahinterstecken?

"Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren." (Benjamin Franklin)

Der Kern des Problems ist die schleichende Erosion der Grundrechte und der Freiheiten. Aufgrund der vielen kleinen Schritte ist man als Bürger natürlich viel eher gewillt, diese Einschränkungen der Freiheit hinzunehmen als man es waere, wenn viele Einschränkungen auf einen Schlag durchgesetzt werden würden. Aussagen wie "... aber man muss doch was gegen diese Kinderpornos tun!" oder "Wenn das Leben dadurch sicherer wird, dann muss man halt ein bißchen Freiheit opfern..." zeugen davon, daß dieser schleichende Prozeß erfolgversprechend ist.
Und so wird eine Freiheit nach der anderen eingeschränkt und einer trügerischern Sicherheit geopfert. Denn sicherer wird die Welt dadurch nicht und es werden auch nicht weniger Kinder mißbraucht, nur weil vor einigen Webseiten nun ein virtuelles und leicht zu umgehendes Stoppschildchen steht. Stattdessen wird man sich wundern, warum es keine kritischen Stimmen mehr geben wird, wenn erst einmal die Zensurinfrastruktur steht. So wie in Österreich z.B., wie Heise heute gemeldet hat.

Manchmal erinnert mich dieser schleichende Prozeß an die Animal Farm / Farm der Tiere von George Orwell: die Schweine stellen sich Stück für Stück über die anderen Tiere und unterdrücken diese dann. Auch hier ist der Prozeß schleichend, so daß die übrigen Tiere jede kleine Veränderung zum vermeintlichen Wohle aller hinnehmen, am Ende aber von den Schweinen ausgebeutet werden. Auch wenn Orwell sich ursprünglich auf die Verwässerung der sozialistischen Ideale bezogen hat, ist das Buch in Hinblick auf diesen schleichenden Prozeß und die vielen kleinen Schritte beispielhaft auch für das Vorgehen der Politik nicht nur seit dem 11. September, sondern bereits seit Jahrzehnten.
Der CRE135 Podcast führt dies auch sehr schön aus.

Ebenso kann man dort auch hören, daß z.B. in Großbritannien unter dem Deckmäntelchen der Terroristenbekämpfung Kinderspielplätze nur deshalb videoüberwacht werden, weil die Kinder sich aufgrund der Lautstärke "nicht sozial benähmen".

Wer also meint, dies seien alles Hirngespinste von irgendwelchen Leuten, die einfach zuviel Zeit im Internet verbringen, der sollte sich ruhig mal abseits der etablierten und nur Agenturmeldungen abschreibenden Presse und Medien informieren. Und sich selber fragen, ob die Welt mit biometrischen Reisepässen, Fingerabdrücken, Datenübermittlungen in die USA, Einschränkung bzw. Aufhebung des Bankgeheimnisses und anderer Maßnahmen zur "Wahrung der Sicherheit" die Welt wirklich sicherer geworden ist?
Finden nun weniger Kriege statt? Sterben nun weniger Menschen? Gibt es weniger Bombenattentate? Werden weniger Kinder mißbraucht?

Die Antworten zu finden ist nicht leicht, denn die etablierten Medien berichten ungern über sowas. Dienstwagenskandale sind offenbar interessanter. Aber es ist nicht unmöglich! Man muss nur selber wieder anfangen zu denken und die Dinge zu hinterfragen und sich unabhängig informieren!
Denk! Selbst!

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Comments

Ja der ist wirklich nicht schlecht nur ist es echt ne Zeitfrage die ganze CREs immer zu verfolgen, leider leider :-/

Naja, stimmt schon. 2.5h Zeit zu haben ist nicht wenig. Aber beim heutigen TV-Programm (allgemein betrachtet), muss man ja nur mal abends den Fernseher auslassen und schon hat man genuegend Zeit fuer sowas.

An und fuer sich bin ich ja schon ein grosser Freund von Talkrunden, weshalb Freitags auch immer N3 ab 22 Uhr auf dem Programm steht. Aber irgendwie finde ich die Talkshows dort, auch wenn sie zweifelslos zu den besseren im Fernsehen gehoeren, ziemlich weichgespuelt im Vergleich mit aelteren Folgen. Das kann man haeufig auch direkt vergleichen, wenn man sich mal die Talkshow Classics anschaut...

Insofern finde ich die CRE-Folgen eigentlich immer recht brauchbar als "Ersatz". :-)

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